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Männer auf Touren

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Sonntag 27. - Montag 28. Mai 2012 (Pfingsten)

Hohe Veitsch
Turnau - Hochanger - Hohe Veitsch - Kleinveitschalm - Hocheckalm - Malleistenalm - Kaarlhütte - Mürzzuschlag

  Kein Autofahrer käme auf die Idee, von Turnau aus auf die Veitsch zu gehen. Oder von der Veitsch nach Mürzzuschlag zu wandern. Die Wahl öffentlicher Verkehrsmittel erzwingt jedoch manchmal unkonventionelle Routen und man lernt dabei Gegenden kennen, die man sonst nie im Leben kennengelernt hätte.

Sonntag pünktlich um 7:02 fuhren Alois, Christian, Frankie, Igo, Jochen, Martin, Oliver, Peter, Ronny, Thomas und Thomas mit dem Railjet von Wien Meidling ab. Eine bunt zusammengewürfelte Runde aus Wienern, Oberösterreichern, Tirolern, Deutschen und kosmopolitischen Quermischungen. Ankunft Kapfenberg 08:50. Das kurze Wegstück vom Bahnhof zur Bushaltestelle war einigen noch von der Hochschwab-Tour in Erinnerung, ebenso die 70er-Jahre-Architektur am Kapfenberger Europaplatz und der Eierautomat. Bus um 09:15, Ankunft um 09:50 in Turnau (780m). Der Ortskern hatte sich das Flair alter Heimatfilme bewahrt und es herrschte viel Betrieb, vermutlich weil alle gerade vom Kirchgang kamen. Wie gewohnt zogen die Männer auf Touren unverzüglich los, einem Bach entlang nach Norden und dann den Berg hinauf.

Das Wetter war halb sonnig, halb wolkig bei angenehmster Wandertemperatur, aber laut Prognose war die Wetterlage instabil und die Regenwahrscheinlichkeit betrug 98%. Man konnte den Quellwolken beim Quellen zusehen. Der stabilen Gemütsverfassung der Teilnehmer konnte das nichts anhaben und gut gelaunt wurden Höhenmeter gemacht. Bei einer Weggabelung um 10:45 wurde eine zehnminütige Verschnaufpause eingelegt. "Wenn die Fliegen so lästig sind, heißt das, es kommt ein Gewitter." "Wenn sie nur hier lästig sind, gibt es nur hier ein Gewitter. Gehen wir weiter."

Ob der Weg sanft oder steil anstieg, ist eine Frage der Definition, wobei die Maßstäbe für "steil" erst später am Tag gesetzt wurden. Der erste Teil der Strecke verlief durchwegs durch Wald und westlich des Kamms, was mit sich brachte, dass das eigentliche Ziel der Wanderung lange Zeit völlig unsichtbar blieb. Erst beim Überschreiten des Kamms auf der Osterer Alm ("Das ist ja Ostern und Pfingsten an einem Tag!") kam die Veitsch ins Blickfeld - ernüchternd weit weg. Von nun an bekam die Tour mehr den Charakter einer Almwanderung, die bewaldeten Abschnitte wurden seltener.

Auf der Osterer Alm gab es keine Gastwirtschaft, also wurde vor der nächsten Anhöhe eine Jausenpause auf der grünen Wiese eingelegt. Alle hatten reichlich eingepackt, Martin speise besonders komfortabel auf einem Klappsessel. Nach 20 Minuten ging es wieder weiter hinauf auf den Hochanger (1682m), wo es die erste Begegnung mit größeren Schneefeldern gab. Die grasige Kuppe war jedoch schneefrei und bot eine schöne Rundsicht. Imposant hob sich der Ötscher hervor. Ein angepeiltes Gruppenfoto scheiterte daran, dass das Wort "Gasthaus" die Runde gemacht hatte und die ersten es nicht erwarten konnten, die 250m Abstieg zur Stroblhütte auf der Göriacher Alm (1429m) in Angriff zu nehmen. Ankunft 13:45 und Einkehr. "Gibts a Bier?" "Ja." "Radler?" "Ja." "Apfel Leitung?" "Apfelleitung hamma net."

Weiter nun im Bogen nach Osten. Bei der etwas unterhalb des Wanderwegs gelegenen Turnauer Alm schien es sich um eine Art alpines Techno-Drive-in zu handeln, denn Bassgehämmer und Gegröl hallte über die Almwiesen und eine Menge Autos standen um die Hütte herum. Alles gute Gründe, um daran vorbeizuziehen. Das Ziel, die Veitsch, war nun wieder aus dem Blickfeld verschwunden, was zu Verunsicherung führte und die Vorhut hätte beinahe die Besteigung des Rauschkogels als nächste sichtbare Erhebung in Angriff genommen. Der richtige Weg führte jedoch nach Osten über eine Wiese und dann wieder ein Stück durch Wald. Um 16:30 war das Nikolokreuz (1413m) erreicht. Es nieselte leicht, doch das Auspacken des Regenschutzes zahlte sich nicht aus, denn ein paar Minuten später schien wieder die Sonne. Die Hohe Veitsch war am Wegweiser mit 2½ Stunden angeschrieben, wie schon eine Stunde davor. Das Ziel war nun wenigstens wieder in Sicht - und zwar nah, hoch und steil. "Es sind nur mehr 400 Meter bis zur Hütte." "Was?! Nur mehr 400 Meter?" "Er meint Höhenmeter." Das Weiterkommen vom Nikolokreuz war nicht so einfach, denn der Wegweiser deutete vage in den Wald hinein und dort war keine Markierung und kein Weg zu entdecken, nur eine Schneerinne. Nach einigem Herumirren im Gebüsch und Hochkrabbeln im Schnee wurde eine Markierung erspäht, von da ging es relativ eindeutig und ohne Schnee weiter zur Hochwiese unterhalb eines eindruckvollen Steilhangs.

Ob der Teufelssteig seinen Namen daher hat, dass der Teufel (Rotsuhler) sich hier herumtreibt, oder weil er teuflisch steil ist, bleibt der Deutung überlassen. Zwar weist der Steig keine Schwierigkeiten auf, aber gnadenlos geht es durch eine Latschengasse einen scheinbar endlosen Hang hinauf. Durch eine Gratlücke gelangt man auf die Hochfläche, wo man bald den monströsen Pfeil an der Bergstation der Materialseilbahn sieht, der als Warnung für Segelflieger gedacht ist. Ankunft im Graf Meran Haus (1836m) grüppchenweise zwischen 17:30 und 17:50, womit die beim Nikolokreuz abhanden gekommene Stunde auf wundersame Weise wieder gewonnen war. Nach Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts wurde ohne Gepäck der 20 Minuten entfernte Gipfel (1981m) in Angriff genommen. Die Fernsicht war durch das diesige Wetter etwas beschränkt. Eine Orientierungstafel erleichterte die Identifikation der Berge. Hochschwab, Ötscher, Göller, Schneealpe und Rax waren auch ohne diese Hilfe gut zu erkennen. Am Rückweg zur Hütte erwiesen sich die im Aufstieg etwas hinderlichen Schneefelder als angenehme Abstiegshilfe.

Zurück im Graf Meran Haus stand als nächstes das Stillen des Hungers am Programm. Trotz Anmeldung war für die Gruppe gerade noch ein Schweinsbraten über, den sich Frankie und Peter teilten. Die anderen konnten mit gedämpfter Begeisterung zwischen zwei Suppen, Würsten und Broten wählen. Die kulinarische Enttäuschung wurde durch die netten Wirtsleute abgefedert. Das Outing der Gruppe erfolgte spätestens bei der Zimmeraufteilung: Die Pärchen sollten in die Zweierzimmer bzw. ins Lager, die Singles ins Viererzimmer mit der Auflage, "brav" zu sein. Und alle sollten die Türen schließen, wenn sie keinen nächtlichen Besuch (durch die Hüttenkatze) wünschten.

So um halb neun begannen die Vorbereitungen für die Nacht. Wasser zum Zähneputzen konnte in der Küche erworben werden, denn im Waschraum standen nur ein paar Kübel mit Wasser herum, bei dem nicht so recht klar war, wofür es bisher schon benutzt worden war. Igo bemerkte beim Aufstehen, dass er die ganze Zeit auf einem Kaugummi gesessen hatte, der inzwischen eine innige Verbindung mit seiner Hose eingegangen war. "Das ist mir das letzte Mal in der Oper passiert." Beim Schlafengehen irrte er sich in der Zimmernummer und bekam die Suite in Form eines unbenutzten Lagers für sich alleine.

Ob alle "brav" waren, ist nicht bekannt, jedenfalls gab es am Morgen des Montag keine Beanstandungen. In Hinblick auf die nicht allzu rosige Wetterprognose und das üppige Tagesprogramm war das Frühstück bereits für 7 Uhr bestellt worden. Klassisch Brot, Butter, Marmelade, Kaffee oder Tee. Wer wollte, konnte Nachschlag haben. Schon um 07:45 stand die Gruppe abmarschbereit vor der Hütte.

Über die nächste Hügelkuppe ging es gegen Osten. Dieser Marsch über die baumlosen Wiesen und Schneefelder des Hochplateaus war sicher der landschaftlich faszinierendste Teil der Tour. Das durch hochliegende Wolken gedämpfte, milchige Sonnenlicht brachte zusätzlich einen Hauch von Unwirklichkeit in die Landschaft. Um 10 Uhr war die Kleinveitschalm (1451m) erreicht, eine idyllisch gelegene Ansammlung kleiner Hütten am östlichsten Ausläufer des Plateaus. In der Grundbauernhütte gab es die Möglichkeit für ein zweites Frühstück. Das Angebot war reichlich und gut, einschließlich üppiger Torten. Thomas wollte wissen, was ein Rahmkoch ist - es handelte sich um eine recht schmackhafte und sicher auch nahrhafte Mehlspeise in Bröselform.

Um 10:35 ging es weiter. Bergauf und bergab, mal auf Forststraßen, mal auf Fußpfaden, auf Fels, Schotter, Wurzeln oder Fichtennadeln, über Anhöhen und durch Senken, mal nach Süd, mal nach Nord, tendenziell nach Ost. Der dominierende Eindruck war der von bewaldeten Hügeln mit einem Boden voller Heidelbeersträucher. Obwohl der Wegverlauf dem Prinzip des geringsten Höhenverlusts folgte, waren beträchtliche Steigungen zu überwinden und die ständigen Richtungsänderungen brachten bei manchen das Gefühl hervor, im Kreis zu gehen. Auch die Aussichten trugen dazu bei, denn einmal war die Veitsch zu sehen, dann die Schneealpe, dann wieder ein überhaupt nicht zuordenbarer Berg. Etwa alle zwei Stunden wurde eine Alm mit ausgedehnten Wiesen durchquert: 12:45 Hocheckalm (1320m) mit Blick auf die Veitsch und den Hochschwab. Über dem Hochschwab hingen dunkle Wolken mit Regenschleiern darunter, während sich an anderen Stellen des Himmels noch blau zeigte. 14:30 Malleistenalm (1265m), wo sich die Kühe in der Wiese sonnten.

Das nächste Ziel und die nächste Einkehrmöglichkeit war die Kaarlhütte, deren Schweinsbraten weithin gerühmt wird. In der Phantasie der Teilnehmer, von denen der Großteil unter dem Mangelerlebnis des letzten Abends litt, wurde daraus der beste Schweinsbraten der Steiermark, wenn nicht gar der ganzen Welt, und Schweinsbraten als solcher zum beherrschenden Gesprächsthema. "Wir reden ständig über Schweinsbraten, aber wir essen keinen", stellte Jochen fest. "Das ist fast so ähnlich wie mit Sex." An zwei Stellen des Wegs gab es Abzweigungen nach Krieglach mit verlockenden Gehzeitangaben von 3 bzw. 2 Stunden, anstelle der ungewissen Gehzeit zur Kaarlhütte und weiter nach Mürzzuschlag. Krieglach wäre tatsächlich eine Alternative gewesen, die ein paar Teilnehmer schon in Erwägung zogen. Neben der zusätzlichen Umsteigekomplikation mag vielleicht auch die Schweinsbratenfrage den Ausschlag gegeben haben, dass alle der Gruppe treu blieben und weiter gegen Osten zogen.

Die Kaarlhütte (1314m) wurde schließlich um 16:45 erreicht. Das war genau 9 Stunden nach dem Aufbruch vom Meranhaus. Die schlimmste Befürchtung, der Schweinsbraten könnte aus sein, trat nicht ein. Jedoch gab es eine Komplikation, denn die Wirtsleute hatten nicht mehr mit dem Eintreffen so hungriger Gäste gerechnet und der Küchenofen musste erst wieder hochgefahren werden. Das dauerte seine Zeit. Die Schweinsbratenesser des Vortags gaben sich bescheiden: Peter bestellte nur eine kleine Portion und Frankie entsagte gänzlich und inspizierte stattdessen den 10 Minuten entfernten Kreuzschober-Gipfel (1410m).

Bis das Essen am Tisch stand, war es 17:45. Das war nahe an der Zeit, die als Abmarsch geplant war, um den Zug um 19:34 in Mürzzuschlag zu erwischen. Daher wurde der Genuss von einer Spur Hektik getrübt, der Schweinsbraten selbst wurde den Erwartungen voll gerecht. Ein von den sehr netten Wirtsleuten spendiertes Schnapserl verlieh den doch schon etwas erschöpften Tourenmännern im Endspurt auf Mürzzuschlag Flügel, denn sie schafften es in 1:15 den Berg hinunter und zum Bahnhof, 15 Minuten vor Zugabfahrt. Der Railjet nach Wien war erwartungsgemäß ausgelastet und bedingte eine Verteilung der Gruppe auf die wenigen freien Sitzplätze in verschiedenen Abteilen und Waggons.

Gehzeit (unter Abzug längerer Pausen) am Sonntag 7 Stunden bei einer Streckenlänge von etwa 20km, 1550m Aufstieg, 500m Abstieg. Am Montag 9 Stunden Gehzeit, Streckenlänge 30km, 650m Aufstieg, 1800m Abstieg.

Die Tour war strapaziös, nahe am Limit des Machbaren, und gerade deshalb wird sie den Teilnehmern gewiss lange in Erinnerung bleiben. Es gab ein paar Verirrungen, die aber immer frühzeitig entdeckt wurden. Teilweise war der Weg gut, teilweise gar nicht markiert, gelegentlich etwas zugewachsen oder durch umgestürzte Bäume blockiert. Auf den Karten nicht verzeichnete Forststraßen sorgten für manche Unsicherheit. Die Bewirtung auf allen vier besuchten Hütten war ausgesprochen freundlich. Das Wetter spielte Wunderstücke. Während ringsum blaugraue Wolken mit Regensäulen beobachtet werden konnten, wurde der Weg der Männer auf Touren von kaum einem Tropfen benetzt. Eine Wetterhexe in der Gruppe oder Beistand von oben?


Weitere Tourenberichte und Bilder können über die Chronik aufgerufen werden.

 

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